Dokville-Archiv 2005 bis 2016

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IM GESPRÄCH:
HANS-DIETER GRABE / THOMAS SCHADT

»Ich gab die klare Anweisung, weiterzudrehen«

Krieg und Frieden: »Menschen sind für mich dann wichtig, wenn sie Dinge erlebt haben, die mitgeteilt werden müssen, weil sie gesellschaftliche Zustände zeigen«, sagte Hans-Dieter Grabe bei Dokville 2016 im Gespräch mit Prof. Thomas Schadt von der Filmakademie Baden-Württemberg. Fast 40 Jahre widmete sich Grabe jenen Zuständen detailliert, nämlich als Dokumentarfilmregisseur des ZDF. Opfer des Vietnamkriegs, ehemalige KZ-Häftlinge, Überlebende aus Hiroshima und Nagasaki, Ärzte, Mörder, Widerstandskämpfer, Mitläufer: Grabe hat sie filmisch begleitet - manche ein Leben lang.

 

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Er selbst ist nur wenigen ein Begriff, seine Werke umso mehr. Etwa »Hoffnung – Fünfmal am Tag. Beobachtungen auf einem Deutschen Bahnhof«, »Mendel lebt« oder »Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang«. Die starren Strukturen auf dem Mainzer Lerchenberg hätten ihn manchmal verwundert, aber: Seine Stamm-Kameraleute hätten immer gewusst, was er an Aufnahmen haben wollte. Auch die Filmcutterin beim ZDF sei ein wahrer Glücksfall gewesen. Irgendwann griff Grabe selbst zur Kamera - nämlich bei seinem Film über Do Sanh in Vietnam. Die Kamera war ein Geschenk der Söhne, die Lust am Drehen geweckt. Beim Sender seien seine Ambitionen zunächst auf wenig Gegenliebe gestoßen. »Jetzt wollen die Autoren auch schon selber drehen«, hätten die Verantwortlichen laut Grabe wohl gedacht, »dafür gibt es ja schließlich Kameraleute.« In Saigon war er dann einmal als Autor alleine unterwegs - und somit zum Drehen legitimiert. »Der Ton war jedoch ein Riesenproblem, es war überall Lärm«, berichtete Grabe. Durch die unauffällige kleine Handkamera habe er aber auch reichlich authentische Aufnahmen machen können.

Offene Wunden, verbrannte Haut, Tränen: Auch drastische Szenen prägen Grabes Werk. Während das Leid, das tagtäglich in den Massenmedien über die Bildschirme flimmert, seltsam entrückt daherkommt, wirkten Grabes Filmausschnitte auf der großen Kinoleinwand bei Dokville fast körperlich beklemmend. Auf einer Zugfahrt bei der ersten Begegnung mit dem KZ-Überlebenden Mendel Schainfeld sieht man diesen bitter weinen. »Ich gab die klare Anweisung, weiterzudrehen», erklärte Grabe. Tränen bei solchen Menschen seien wichtig, weil sie etwas über den Menschen aussagen würden. »Einmal fing eine anfangs spröde und sehr kontrolliert wirkende Frau an zu weinen, nachdem sie erzählte, wie sie sich langsam ihrem behinderten Kind annäherte«, erklärte Grabe. Das Verhalten gegenüber den Menschen vor der Kamera sei sehr wichtig. Dinge nicht zu zeigen oder einfach wegzulassen, degradiere die Protagonisten aber zu Schauspielern und die Handlung zu einer fiktiven Geschichte, erläuterte er sein Vorgehen. Heute mit den großen, hochauflösenden Bildschirmen würde er in manchen Situationen allerdings die Distanz bevorzugen. Damals mit den kleineren Fernsehgeräten seien Nahaufnahmen enorm wichtig gewesen.

Nah war Hans-Dieter Grabe seinen Protagonisten immer. Etwa Mendel Schainfeld, der den Nazis entkommen konnte, nun in Oslo lebte und als Zeitzeuge norwegischen Reisegruppen in Konzentrationslager nach Deutschland und Polen begleitete. Er war bei den Aufnahmen gesundheitlich teils deutlich angeschlagen. Grabe habe nie wissen können, wie lange sein Protagonist noch lebt - »Mendel lebt« lautete deshalb auch der Titel des zweiten Films. »Er bekam durch unsere Aufnahmen auf einmal Mut und Kraft, ein Buch über sein Leben zu schreiben.« Do Sanh starb mit nur 35 Jahren. 28 davon hat ihn Grabe immer wieder filmisch begleitet. In Vietnam und Deutschland - bis zu seinem Tod 1996. Do Sanh war acht, als Grabe ihm auf einem Hospitalschiff vor Da Nang zum ersten Mal begegnete. Schwerste Unterleibsverletzungen, die Eltern tot, der Bruder in die USA adoptiert. Do Sanh habe er in der ganzen Zeit, dem Auf und Ab für seinen Lebensmut bewundert. »Diese Kinder hatten es ja auch in Vietnam wieder wahnsinnig schwer, weil sie Außenseiter waren. Und die Gesellschaft war nicht auf diese Kinder eingestellt«, sagte Grabe bei Dokville. »Dieser Mann ging mit unfassbarer Kraft durchs Leben.« Schließlich hätte damals niemand geglaubt, dass zeitweise sogar ein relativ »normales« Leben führen könne.

Einige Jahre nach dem ersten Kontakt mit Do Sanh 1970 auf dem Lazarettschiff erfuhr der Grabe, dass aufgrund eines Abkommens kriegsverwundete Kinder aus Saigon in Deutschland behandelt werden. »Wir fuhren in das Hospital - und dort traf ich dann wieder auf ihn.« Zufall? »In gewisser Weise schon, die Dinge scheinen sich zu ergeben.« Überhaupt, seine Protagonisten. »Die Menschen kamen nie zu mir, und wenn welche kamen, dann waren es nicht die richtigen.« Wenn er welche gefunden hatte, sei ihm eine längere Zusammenarbeit aber stets wichtig gewesen. Denn es sei immer gut, »einen Menschen im Auge zu behalten.«

Lassen sich solche Langzeitbeobachtungen transmedial transportieren? »Ich beschäftige mich ehrlich gesagt nicht damit.« Es sei traurig, wenn Kollegen immer wieder zwanghaft neue Projekte suchen müssten, nur um neuen Trends zu entsprechen. Es gehe sowieso immer um den Menschen, die Wirklichkeit, die Geschichten. Der Zuschauer sei der Partner, ihm wolle er jene Geschichten erzählen. Die Gefahr beim digitalen Erzählen sieht Grabe vor allem darin, Dinge hinzuzufügen, nachträglich zu ändern: »Das verfälscht natürlich alles«. Welche Bilder braucht eine zunehmend unruhigere, sich radikal verändernde Welt überhaupt? Pauschal ist das laut Grabe nicht zu beantworten. »Jeder Mensch ist anders, jeder Film ist anders.» Hans-Dieter Grabe hat den Menschen eine Stimme gegeben. Dem Krieg und dem Frieden.

 

Dokville 2016 Im Gespräch: Hans-Dieter Grabe und Dr. Thomas Schadt 
© Haus des Dokumentarfilms / Dokville, 2016