Dokville-Archiv 2005 bis 2016

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CASE STUDY:
TANKSTELLEN DES GLÜCKS

Eine Reise zu den Nicht-Orten unserer Zeit

Glitzer, Gold – und Klimaerwärmung. »Wie kommt es, dass wir trotz Klimaerwärmung das Reisen und Tanken so lieben«, fragte sich Filmproduzenten Christian Beetz. Und wie könnte der Künstler Friedrich Liechtenstein ein solches Thema ansprechen? Fragen, aus denen die »Tankstellen des Glücks« entstanden sind. Ein transmediales Projekt über die – zumindest für den Berliner Stilguru Liechtenstein – romantischsten Nicht-Orte unserer Zeit, das Reisen, popkulturelle Inseln. Und eben den Umgang mit Ressourcen. TV-Serie, Web-Serie (»Das Universum nach Friedrich Liechtenstein«), Musikvideo, 360° VR Projekt und Dokumentarfilm: Gebrüder Beetz setzte dabei ganz auf soziale Medien, das Fernsehen wurde erst einmal hinten angestellt, erklärte Christian Beetz bei Dokville 2016.

 

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Denn wie erreichen Medienmacher in Zeiten der Informationsüberflutung und dem permanenten »Riesenrauschen« ein möglichst heterogenes Publikum – ohne den erhobenen Zeigefinger? Das sei eine der zentralen Fragen zu Beginn der transmedialen Entdeckungsreise gewesen. Detaillierte Pläne habe es zunächst gar nicht gegeben. Sicher war nur, dass Arte Inhalte für sein »Reportage-Gate« suche. Und, dass Liechtenstein seit seinem Auftritt im Werbespot einer großen deutschen Supermarktkette zum Internetstar mit ganz eigenen Universum avanciert war.

Die Idee zur Umsetzung mit Liechtenstein war geboren, auch wenn gerade beim Sender Überzeugungsarbeit nötig war. Schließlich wurden die Kameras gepackt, losgedreht - und an vielen Stellen improvisiert. Das war laut Beetz nicht nur der Person und künstlerischen Entfaltung des Friedrich Liechtenstein geschuldet, sondern auch den technischen Herausforderungen etwa beim 360°-Dreh. Sechs Wochen vor dem Sendetermin startete die Produktionsfirma dann eine Facebook Kampagne – und erreichte damit 3,4 Millionen Nutzer.

Das Projekt glänzte, nur mit dem Gold zur Finanzierung haperte es. Denn die stand laut Christian Beetz von Anfang an auf wackeligen Beinen und war während der gesamten Dreharbeiten Thema. Das Hybridprojekt sei bei der klassischen Filmförderung durchgefallen, da es dort nicht als Gesamtprojekt angesehen wurde, erklärte der Medienmacher. Die Kosten blieben also erst einmal an der Produktionsfirma hängen. Auch die für die 1000 Liter Benzin, die laut Beetz bei der Tankstellentour quer durch Europa mit dem Oldtimer verbrannt wurden.

Eine Idee zur Refinanzierung musste her: ein Musikvideo mit Liechtenstein. »Das Musikvideo sollte Geld wieder einspielen, es sollte der Sommerhit werden und wurde auf I-Tunes gestellt und gut beworben. Wir haben 60,00 Euro eingenommen. Ist auch kein Modell des Monetarisierens.« Zwischenzeitlich habe Beetz sogar an den Abbruch des Projekts gedacht. Doch schlussendlich hieß es »Augen zu und durch«, die Leidenschaft hatte sich durchgesetzt.

Gut so. Denn am Ende kam das Gesamtwerk beim Publikum äußerst gut an, lief erfolgreich bei Arte und vom Medienboard Berlin-Brandenburg gab es zumindest für die Produktion der Filmreihe Unterstützung. Die Transmedia-Produktion dürfte sicher auch Friedrich Liechtenstein eine Menge neuer Fans beschert haben. Und den ein oder anderen auch zum Nachdenken über unseren Umgang mit Ressourcen animiert haben – ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Patrick Möller (Transmedia Storytelling Berlin) im Gespräch mit Produktionsleiter Christian Beetz (gebrüder beetz filmproduktion)
© Haus des Dokumentarfilms / Dokville, 2016