Dokville-Archiv 2005 bis 2016

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DIGITAL NARRATIVES:
MIT OPEN DOCUMENTARY LAB

»The Enemy«: Skype-Gespräch mit Karim Ben Khelifa

»Wenn der Feind sichtbar wird, hört er auf Feind zu sein.«

Bei Dokville 2016 fand mit einem Live-Skype-Gespräch ein Brückenschlag von Ludwigsburg nach Paris statt - oder auch ein »Come together« von klassischem Dokumentarfilm und Virtual Reality Projekten. Zugeschaltet zum Branchentreff Dokumentarfilm aus Paris war der Fotojournalist Karim Ben Khelifa, der zusammen mit dem MIT Open Documentary Lab ein Projekt mit dem Namen »The Enemy« vorstellte.

 

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Karim Ben Khelifa, Fotojournalist und preisgekrönter Kriegsreporter hatte genug vom bloßen Berichten und Zusehen. Er möchte Einfluss nehmen mit seinem Projekt »The Enemy«. In den vielen Gesprächen, die er auf beiden Seiten kriegführender Parteien geführt hat, stellte er fest, dass ihre Lebenswünsche dieselben sind. Khelifa erarbeitete einen neutralen Fragenkatalog mit 25 Fragen wie: »Was ist Gewalt für dich? Was bedeutet Frieden? Wo möchtest du in 20 Jahren sein?« Er erlebte, dass die Antworten der Kriegsparteien identisch sind und beschloss sie über eine Virtual Reality Inszenierung einander näher zu bringen. Seine Zielgruppe sind nicht nur Nutzer, die, sobald sie die Virtual-Reality-Brille aufsetzen, zwischen den Fronten stehen und beiden Parteien zuhören. Es sind zuvorderst Soldaten weltweit: im Kongo, Israel, Palästina, Afghanistan, Kaschmir, Südsudan, Nord- und Südkorea, Myanmar und El Salvador. Als feindliche Krieger stehen sie sich gegenüber, zum ersten Mal in Augenkontakt und erfahren, dass der Feind ähnlich denkt und ihren Vorurteilen nicht entspricht. Karim Ben Khelifa sagte in dem Dokville-Interview: »The enemy is always invisible.  When he becomes visible, he ceases to be the enemy.«

Zusammen mit dem MIT Open Documentary Lab, das jährlich eine begrenzte Zahl unterschiedlicher Berufsgruppen, wie Künstler, Neurowissenschaftler oder Techniker, für ausgewählte Projekte zusammenführt, entwickelte er einen Prototyp für dieses immersive und anspruchsvolle Projekt. Bei Dokville präsentierte er ein »Work in Progress«, dessen erste Anwendung in 2017 geplant ist. »The Enemy« geht weit über die Zielgruppe »Kriegsführender« hinaus. Zusammen mit Neurowissenschaftlern entsteht auch eine App, die Gefühle wie Aggression oder Empathie messen wird. Ben Khelifa möchte den Teilnehmern ihr Denken über den »Anderen« aufzeigen und sie so »umprogrammieren«. Auf die Frage, ob er glaubt, dass sein Projekt erfolgreich sein kann, verweist er auf die Erfahrungen, die er während der Testphase gesammelt hat. »The prototype was shown at the Tribeca Film Festival in April, and people’s reactions show how powerful virtual reality technology can be. I didn’t expect to see so many viewers, with no personal investment in the conflicts, break down crying.«

Als Fotograf und Autor ist sich Ben Khelifa bewusst, dass er Kriege nicht wird stoppen können, aber er möchte uns anregen zu hinterfragen. »I want you, when you go out, to re-think what has been told to you and look at the world in a different way«, und fügt hinzu, dass das Dokville-Publikum gar nicht sein Wunschpublikum sei, sondern die 16/17-jährigen in Israel oder im Gaza-Streifen.

Ein einzigartiges, virtuelles Projekt, dessen Umsetzung wir bei Dokville folgen werden.

Videomitschnitt des Skype-Gesprächs mit Karim Ben Khelifa bei Dokville 2016
© Haus des Dokumentarfilms / Dokville, 2016