Dokville 2015: »Film + Social Media«

Dokville 2015 - Branchentreff Dokumentarfilm
18. und 19. Juni 2015
Scala Ludwigsburg

Thema:
»film + social media: Sprengkraft für den Dokumentarfilm«
Kuratorin: Astrid Beyer

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Dokville 2015 - 18./19. Juni 2015

Multimediale Dokumentation des
Branchentreffs Dokumentarfilm

 


Was bedeuten Soziale Medien für den Dokumentarfilm?

Das Verhältnis von Medien, Politik und Kunst ist seit Jahren Thema, besonders seit das Internet und Soziale Medien die Medienlandschaft nachhaltig prägen. Was heißt das für den Dokumentarfilm? »Deutlich wird die Verantwortung des Dokumentarfilms als potentielle Gegenöffentlichkeit«, erläuterte Medienwissenschaftlerin und Produktionsassistentin Laura Johanne Zimmermann bei Dokville.

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Film & Social Media: Case Study »10 Milliarden«

Was ist eigentlich ein Kampagnenfilm? Laura Johanne Zimmermann erklärte dies bei Dokville 2015. Das Schwerpunktthema des Branchentreffs widmete sich der Vermarktung eines Dokumentarfilms im Zeitalter digitaler Kampagnen. Eine Schöne Aussage der jungen Wissenschaftlerin: »Ein Kampagnenfilm kann Erfolg haben, muss es aber nicht.« Denn der Erfolg ist die Kampagne.

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Film & Social Media: Case Study »The Yes Men Are Revolting«

Mit diesem Thema brachte Dokville 2015 seine Gäste zum Schmunzeln. Der Grund dafür war der ausführliche Filmbeitrag zu »The Yes Men Are Revolting«. Der deutsche Produzent Christian Beetz (gebrüder beetz filmproduktion) hatte diesen Film über zwei amerikanische Politaktivisten mitgebracht. Das Publikum war mehr als angetan.

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Günter Wallraff: Journalistenlegende sucht Nachfolger

Er war der Hans Esser bei der Bild-Zeitung, als türkischer Gastarbeiter Ali ganz unten, er schlüpfte für Undercover-Recherchen unter anderem in die Rolle eines Paketfahrers und Call-Center-Agenten: Günter Wallraff enthüllt seit 50 Jahren Missstände und gilt vielen als das soziale Gewissen des bundesdeutschen Journalismus. Dietrich Leder, Professor für Fernsehen und Film an der Kunsthochschule für Medien Köln, traf ihn bei Dokville 2015 zu einem Gespräch über seine dokumentarische Arbeit.

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Dokumentarfilmland Schweiz - eine Erfolgsgeschichte

Die Schweiz ist seit vielen Jahren nicht nur für Schokolade, Feinmechanik und Bankgeschäfte, sondern auch für ihre Dokumentarfilme bekannt. Der Förderfokus liegt in dem Alpenstaat besonders auf diesem Genre, und auch das Schweizer Publikum begeistert sich für Dokumentationen. Corinna Marschall, Geschäftsleiterin von MEDIA Desk Suisse, sprach bei Dokville über die Fördermöglichkeiten und Dokumentarfilmszene in der Eidgenossenschaft. Die harten Fakten beeindrucken: »48 Prozent aller Schweizer Kinofilme sind Dokumentarfilme«, berichtete sie.

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Wie das Internet »Sleepless in New York« und »Iraqi Odyssey« ermöglichte

Die Schweiz hat eine Passion für den Dokumentarfilm. Nicht nur das Kinopublikum, auch die örtliche Filmförderung setzt auf das Genre. Hochwertige Produktionen wie »More than Honey«, »Sleepless in New York«, »ThuleTuvalu« oder »Iraqi Odyssey« haben es international auf die Leinwände und in die Feuilletons gebracht. Vernetzung, Austausch und Aktion über Onlinekanäle spielen auch in der Eidgenossenschaft eine immer stärkere Rolle - besonders bei »Iraqi Odyssey« von Samir und »Sleepless in New York« von Christian Frei.

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Documentary Campus: Aus dem Innenleben der Masterschool

Kreativer Austausch, Unterstützung von Experten, Entwicklung von Filmprojekten: Der Documentary Campus ist für Filmemacher eine feste Größe der europäischen Dokumentarfilmszene. Jedes Jahr werden für die Masterschool auch sechs Bewerber aus Deutschland aufgenommen. Donata von Perfall, Geschäftsführerin des Documentary Campus, sprach bei Dokville mit den ehemaligen Absolventen Alice Agneskirchner, Anke Petersen, Anne Bürger und Valentin Thurn.

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Dokville 2015 - 18./19. Juni 2015

Was bedeuten Soziale Medien für den Dokumentarfilm?
Eine Einschätzung von Laura Johanne Zimmermann

 

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Das Verhältnis von Medien, Politik und Kunst ist seit Jahren Thema, besonders seit das Internet und Soziale Medien die Medienlandschaft nachhaltig prägen. Was heißt das für den Dokumentarfilm? »Deutlich wird die Verantwortung des Dokumentarfilms als potentielle Gegenöffentlichkeit«, erläuterte Medienwissenschaftlerin und Produktionsassistentin Laura Johanne Zimmermann bei Dokville. Und weiter: »Dokumentarfilm kann gar nicht nicht politisch sein.« Zimmermanns Beobachtung nach ist eine breite Medienöffentlichkeit aber nach wie vor an spezialisierte Organisationen gebunden, die sich vor allem als Dienstleister verstünden und ökonomisch geprägt seien. Das Private werde zudem mehr und mehr öffentlich, während das Politische in den Hintergrund rücke. Eine Art Big-Brotherisierung der Gesellschaft also - auch befeuert durch Soziale Medien.

Doch es gibt umgekehrt viel Potential. Zimmermann präsentierte bei Dokville etwa »Fort McMoney«, eine interaktive, als Spiel präsentierte Webdokumentation über den Ölboom im kanadischen Fort McMurray. Der Spieler erfährt in dokumentarischen Aufnahmen und Interviews etwas über die Bewohner Fort McMurrays - bestimmt mit anderen Spielern aber auch die virtuelle Zukunft der Stadt. »Bisher werden Geschichten meist linear erzählt - Anfang, Mitte, Schluss. Dokumentationen mit diesem klassischen Ansatz haben oft nur noch wenige Zuschauer, ein Film erreicht sein Ziel kaum, zum Nachdenken anzuregen. Aber genau das möchte ich mit meinem Doku-Spiel: Interesse wecken, was uns die Ölproduktion kostet oder auch bringt, welche Auswirkungen sie auf die Umwelt hat«, erläuterte Autor David Dufresne in der Süddeutschen.

Der sogenannte partizipative Dokumentarfilm setzt auf Filmmaterial von Nutzern, die dieses etwa auf Youtube und anderen digitalen Plattformen bereitstellen. Die Videos - oder auch Tondokumente - werden dann professionell zusammengesetzt und meist durch Profimaterial ergänzt. Eine Form des kollektiven Individualismus, erläuterte Zimmermann. Aber auch für den klassischen Dokumentarfilm ergeben sich neue Verbreitungswege über Soziale Medien. Es müsse zunächst aber immer erörtert werden, welche Zielgruppen genau erreicht werden sollen. Grundsätzlich gelte beim politischen Dokumentarfilm Anschlusskommunikation als Voraussetzung für aktive Veränderung. Dafür seien Soziale Medien von Natur aus die richtige Wahl. Der Wandel, der sich durch das Internet für die Szene ergebe, rücke laut Zimmermann den politischen Dokumentarfilm und seine Funktion auch zurecht wieder ins Licht der gesellschaftlichen Debatten.

Sehen Sie hier den Videomitschnitt von Dokville 2015:


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Dokville 2015 - 18./19. Juni 2015

Günter Wallraff:
Problembewusstsein schaffen

 

Er war der Hans Esser bei der Bild-Zeitung, als türkischer Gastarbeiter Ali ganz unten, er schlüpfte für Undercover-Recherchen unter anderem in die Rolle eines Paketfahrers und Call-Center-Agenten: Günter Wallraff enthüllt seit 50 Jahren Missstände und gilt vielen als das soziale Gewissen des bundesdeutschen Journalismus. Dietrich Leder, Professor für Fernsehen und Film an der Kunsthochschule für Medien Köln, traf ihn bei Dokville 2015 zu einem Gespräch über seine dokumentarische Arbeit.


Mitschnitte dieser Dokville-Veranstaltung

1: Erste Anfänge
2: Bei der Bild und Gerlung
3: Ganz unten
4: »Bei Anruf Abzocke« und »Unter Null«
5: Die Vorbereitung auf Rollen
6: Der Sprung zu RTL
7: Fragen und Abschluss


Los ging es mit »Straßenmusikanten« - Wallraffs erstem Film für den WDR. Der war zu jener Zeit noch gar nicht auf Sendung. Er solle zum Start mal ein Thema ausprobieren, habe Redakteur Peter Märthesheimer gemeint. Expressionistische Bilder prägen das Werk - und eine gehörige Portion Situationskomik. »Hier entdecke ich heute schon eine Orientierung«, sagte Wallraff bei Dokville. Schließlich suche und provoziere er bis heute das Komische. Für Wallraff ein Stilmittel. Das WDR-Team von damals habe anfangs sogar Vorbehalte gehabt, die Straßenmusiker im Bus mitzunehmen - wegen »Seuchengefahr«. »Ich frage mich, ob Christus nicht gelacht hat», sagte einer der Musikanten damals. Daran erinnere er sich bis heute.

In der Not die besten Einfälle

Wallraff erkundete bevorzugt die Untiefen einer Leistungsgesellschaft und deren Verwertungslogik. Die Arbeitswelt, zunehmend neoliberalisiert, systematischer und punktueller Rassismus, dubiose Geschäftsmodelle - die Ausbeutung von und durch den Menschen. Und er hatte es meist mit mächtigen Gegnern und Widerständen zu tun. Der Film zu seinen Recherchen bei der Bild-Zeitung als Hans Esser etwa, blieb in Deutschland Jahrzehnte unter Verschluss. Sogar im Sender ging der Dreh zunächst nur unter einem Tarntitel durch. CDU und Arbeitgeberverbände skandalisierten den Film. Die Holländer hingegen sendeten ihn. Erst in den 2000ern lief er dann in Deutschland in einer Arte-Themennacht.

Schlüssige Legenden und gute Tarnung sind für Wallraffs Undercover-Recherchen unerlässlich. Winzige versteckte Kameras gibt es allerdings noch gar nicht so lange. In der Not habe er aber immer die besten Einfälle, berichtete Wallraff bei Dokville. Beim Gerling-Konzern schleuste er sich zunächst als Bote ein. Konzernintern habe man das Versicherungsgebäude eines ehemaligen Nazi-Architekten auch »Neue Reichskanzlei« genannt, erzählte Wallraff. Irgendwann brachte er dann sogar ein komplettes Kamerateam in das Vorstandszimmer. Den Sicherheitsmann vor dem Büro lenkte er mit einer spontan erfundenen Geschichte über einen »Starfighter«-Eignungstest« ab - der Leibwächter setzte sich eine Augenbinde auf. Diese Aktion war der Aufhänger, um den Versicherungskonzern mit besten Verbindungen zur konservativen Politelite lächerlich zu machen. 

Rollen verkörpern, nicht nur spielen

»Manches in meinen Büchern würde man nicht glauben, wenn es nicht auch filmisch und dokumentarisch belegt wäre«, erläuterte Wallraff. Das Filmmaterial habe bei seinen zahlreichen Prozessen dann auch öfter die Richter beeindruckt. Fast zehn Jahre dauerte der juristische Kampf gegen den Springer-Verlag. Wallraff gewann schließlich - nachdem das Bundesverfassungsgericht den zuvor vom Gericht in Hamburg festgestellten »Tatbestand des Einschleichens« kassiert hatte. Im Urteil steht, dass diese Methode gerechtfertigt sein müsse, da es sich bei der Bild-Zeitung um eine Fehlentwicklung des deutschen Journalismus handle.

Dieses Urteil habe ihm Mut gemacht - und sei bis heute für jeden Dokumentarfilmer von Bedeutung. »Ganz unten« als türkischer Gastarbeiter Ali war eine seiner bekanntesten Recherchen über die deutsche, prekäre Arbeitswelt abseits der Glaspaläste und schicken Managementbüros. Nachdem »Ganz unten« auch im Ausland erfolgreich war, bekam er vom japanischen Fernsehen den Auftrag zu einem 90-Minüter. Als iranischer Gastarbeiter arbeitete Wallraff dann undercover auf einer Baustelle im Großraum Tokio. Der Film hatte in Japan 8 Millionen Zuschauer. In »Unter Null« zeigte er das Leben von Obdachlosen in Köln und Frankfurt. Tagelang schlief er in überfüllten Obdachlosenunterkünften - und bei eisigen Temperaturen auf der Straße. Nicht nur die klimatische, auch die soziale Kälte: Wallraff zieht los und schaut hin. »Ich bin in dieser Hinsicht Fanatiker«, berichtete Wallraff. In seinen Rollen sei er identisch mit denen, die nicht aus ihrer Rolle raus können. Und: »Es wäre feige zu sagen, bis hier hin und nicht weiter.« Dafür riskiere er dann eben auch schon mal seine Gesundheit.

Problembewusstsein schaffen

In einer umstrittenen Rolle reiste er als Schwarzafrikaner Kwami Ogonno durch Deutschland - und bekam eine latent rassistische Gesellschaft vor die Linse. Entlarvende Aufnahmen, die einen kleinen Sturm im Blätterwald entfachten. Und selbst Kritiker kommen nicht umhin zuzugeben, dass Wallraff den Alltagsrassismus in diesem Land immerhin thematisiert hat. Manchmal seien Rollen auch Gratwanderungen, aber er versuche, dennoch fair zu bleiben.

Zunehmend sei es aber schwierig gewesen, seine Themen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk unterzubringen. Deshalb der Sprung zu RTL? Dies sei nur einer der Gründe, berichtete Wallraff bei Dokville. Er erreiche dort mit seiner Reihe ein junges, nicht selten selbst von Ausbeutung betroffenes Publikum zur besten Sendezeit. So könne er Problembewusstsein schaffen. Er habe bei RTL ein Team von jüngeren Kollegen, die mit großer Ernsthaftigkeit die Themen verfolgten. »Ich wundere mich manchmal über meinen Freiraum dort«, sagte Wallraff über die Senderverantwortlichen. Es gebe dort auch mutige Juristen. Er mache sich aber nichts vor: Natürlich sei bei einem Privatsender die Quote entscheidend. Bisher sei die aber erfreulich gut.

Die »Yes Men« als Vorbild

Ein Projekt über Anwälte, die sich darauf spezialisiert haben, im Auftrag von Arbeitgebern unliebsame Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Behinderte und Gewerkschafter aus den Unternehmen zu drängen, sei zunächst für das ZDF geplant gewesen. Eine wichtige Szene, in der Wallraff den selbsternannten Arbeitgeberanwalt Helmut Naujoks mit versteckter Kamera zeigt, habe das ZDF allerdings nicht senden wollen. Damit ging er dann zu RTL, die den kompletten Beitrag sogar unverpixelt zeigten. Er habe dem Sender allerdings versichert, für das Material die volle Verantwortung zu tragen.

Der Sender sehe die juristischen Auseinandersetzungen an sich - wie er selbst - ganz gelassen. Gegen einen großen privaten Pflegeheimbetreiber hätten die Senderanwälte jetzt auch Anzeige wegen falscher Behauptungen erstattet. »So muss man damit umgehen«, sagte Wallraff. Er werde die Grenzen jedenfalls weiterhin überschreiten. Es müsse in Richtung der »Yes Men« gehen. Der Film über die kritisch-satirischen US-Medienaktivisten »The Yes Men are revolting« war bei Dokville 2015 ebenfalls Thema. Regisseurin Laura Nix war dazu live aus Los Angeles zugeschaltet.

Hoffnung in den Journalisten-Nachwuchs

Wenn sauberes Handwerk, soziales Gewissen und Haltung aufeinandertreffen, dann sei das für journalistisches Arbeiten optimal, sagte Wallraff. Er vergibt ein Stipendium für jüngere Journalistinnen und Journalisten, die er für Undercover-Recherchen freistellt. Jeden Tag bekomme er Zuschriften aus der Arbeitswelt, es werde immer schlimmer. Wallraff ist mittlerweile 73 Jahre. Nur durch Mutige seien seine Beiträge überhaupt möglich gewesen. »Doch diese Leute sterben aus«, resümierte er bei Dokville. Er setze aber seine ganze Hoffnung in den jungen Nachwuchs. Sicher ist: Kritischen Journalismus hat diese Gesellschaft nach wie vor bitter nötig - Wallraff hat gezeigt, wie es geht.

(Michael Kulmus)

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Dokville 2015 - 18./19. Juni 2015

Documentary Campus:
Aus dem Innenleben der Masterschool

 

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Kreativer Austausch, Unterstützung von Experten, Entwicklung von Filmprojekten: Der Documentary Campus ist für Filmemacher eine feste Größe der europäischen Dokumentarfilmszene. Jedes Jahr werden für die Masterschool auch sechs Bewerber aus Deutschland aufgenommen. Donata von Perfall, Geschäftsführerin des Documentary Campus, sprach bei Dokville mit den ehemaligen Absolventen Alice Agneskirchner, Anke Petersen, Anne Bürger und Valentin Thurn. Vom Drehbuch über den Schnitt und die multimediale Umsetzung bis hin zur Finanzierung: Die Workshops des Documentary Campus sind nicht nur für frische Absolventen von Filmhochschulen interessant. Durch die Unterstützung der EU und des Deutschen Filmförderfonds ist die Teilnahme am Documentary Campus kostenlos. Verpflegung und Unterkunft muss allerdings selbst getragen werden. Wenn ein Film in Produktion geht, fällt eine Rückzahlung von 8.000 Euro an - diese wird wiederum in die Filmförderung investiert.

Alice Agneskirchner nahm als erfahrene Filmemacherin mit einem Projekt über unser Verhältnis zur Natur, zum Tier und zur Jagd teil. Gerade die Möglichkeit, vor 40 bis 50 Redakteuren bei den Leipzig Networking Days ein Projekt vorzustellen, sei sehr hilfreich. Die Parole »think big« sei für ihr Filmprojekt zunächst eine Herausforderung, dann aber die richtige Strategie gewesen, sagte sie. Nachdem sie für »Killing Bambi« einen Produzenten gefunden hatte, erhält sie mittlerweile auch Fördergelder. Die Übungen zu den Pitches während der Masterschool hätten ihr bei der Selbstmotivation und Strukturierung schlussendlich sehr geholfen - auch wenn sie anfangs damit gewisse Probleme gehabt habe. Valentin Thurn, der Autor von »Taste the Waste«, bestätigte bei Dokville diese Einschätzung. Die Pitches seien zwar manchmal nervig, würden beim Fokussieren auf eine bestimmte Richtung aber ungemein helfen.

Nach drei fünftägigen Workshops und der Präsentation der Filmideen in Leipzig, wird in einem vierten Abschlussworkshop die Finanzierungsstrategie festgelegt. Denn Fördergelder garantiere die Teilnahme beim Documentary Campus nicht automatisch, erläuterte von Perfall. Die Chancen seien durch die Bekanntheit der Projekte in der Szene dann aber höher. Anke Petersen und Anne Bürger haben mit einem dokumentarischen Serienprojekt an der Masterschool teilgenommen. »The Fashion Paradox« heißt ihr Werk, das sich während des Documentary Campus auch grossmedial entwickelt hat. Mode, Massenproduktion, Wegwerfgesellschaft ist das Thema. Es werde kaum über nachhaltige Alternativen berichtet, erläuterte Bürger. In der Dokuserie begleiten sie die Londoner Modebloggerin Susanna Lau, die sich weltweit auf die Suche nach kreativen Modemachern begibt, die die Industrie verändern möchten. »Uns geht es darum, den Menschen den Spaß und die Freude an nachhaltiger Mode zu vermitteln. Aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger«, sagte Bürger. Designer wie etwa Karl Lagerfeld, Modedesign-Studierende, Aktivisten, aber auch große Textilkonzerne kommen zu Wort. Durch die unzähligen Follower von Lau auf Twitter und Instagram sei es nur folgerichtig gewesen, diese Kanäle auch zu nutzen. Dazu gibt es ein Contentportal im Internet mit einem Shopfinder, interaktiven Blog und Dutzenden Hintergrundinformationen. Die Seite soll als Anlaufplattform für Konsumenten, Industrie und Designer etabliert werden.

Der Austausch mit anderen Filmemachern während des Documentary Campus sei unglaublich spannend und bereichernd gewesen, berichteten Bürger und Petersen. Alle teilnehmenden Filmemacher hätten tolle Ideen und mehr oder weniger die gleichen Probleme - etwa in Sachen Finanzierung und Produzentensuche. Valentin Thurn konnte mit seinem Film »Taste the Waste« eine Debatte über die tagtägliche Lebensmittelverschwendung anstoßen. Er bewarb sich für die Masterschool mit diesem crossmedialen Kampagnenfilm. Mittlerweile werde etwa die Internetseite von einem Programmierer kostenfrei betreut. Das Projekt habe Leute angezogen, die am liebsten ohne Geldwirtschaft leben würden, berichtete er. Die Facebook-Seite zu seinem Filmprojekt wächst auch nach drei Jahren noch und hat mittlerweile über 25.000 Fans. Es gab Kochaktionen auf öffentlichen Plätzen, Ernteaktionen mit Schulklassen und der eigens gegründete Verein Foodsharing mit der entsprechenden Online-Plattform hat bundesweit Zulauf. Beim Documentary Campus habe ihm vor allem auch der Rhythmus zwischen den Workshops und den Arbeitsphasen zuhause gefallen, berichtete Thurn. Donata von Perfall betonte die Rolle des Documentary Campus als Netzwerkplattform. Denn besonders vom kreativen Austausch leben viele Ideen: Dass politischer Dokumentarfilm Veränderung bewirken kann und soll, das sei ihnen gerade in der Masterschool richtig bewusst geworden, erklärten Bürger und Petersen.

 

Sehen Sie hier den Videomitschnitt von Dokville 2015:


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Dokville 2015 - 18./19. Juni 2015

Wie das Internet »Sleepless in New York«
und »Iraqi Odyssey« ermöglichte

 

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Die Schweiz hat eine Passion für den Dokumentarfilm. Nicht nur das Kinopublikum, auch die örtliche Filmförderung setzt auf das Genre. Hochwertige Produktionen wie „More than Honey“, „Sleepless in New York“, „ThuleTuvalu“ oder „Iraqi Odyssey“ haben es international auf die Leinwände und in die Feuilletons gebracht. Vernetzung, Austausch und Aktion über Onlinekanäle spielen auch in der Eidgenossenschaft eine immer stärkere Rolle - besonders bei „Iraqi Odyssey“ von Samir und „Sleepless in New York“ von Christian Frei.

„Du kennst doch Youtube“, habe ihn der Leiter des Nationalarchivs in Bagdad beim Teetrinken gefragt, berichtete Samir bei Dokville. Damit hatte sich zwar seine Anfrage nach Videomaterial erledigt - aber eine neue digitale Fundgrube tat sich auf. In „Iraqi Odyssey“ erzählt er die Geschichte seiner Familie, und damit auch die von rund vier Millionen anderen Iraki im Ausland. Über die Sozialen Netzwerke hat er unzählige Fotos und Videos erhalten, die er in seinem Film verwendete. Die gesamte säkulare Mittelschicht des nahen Ostens sei online gut vernetzt. Deshalb auch ein Webprojekt zum Film: Auf einer Online-Plattform können Menschen ihre ganz persönlichen Flucht- und Familiengeschichte erzählen und dazu Fotos und Videos hochladen.

Bei »Sleepless in New York« hat das Internet mitgeholfen

Das Internet spielte auch bei der Entstehung von Freis „Sleepless in New York“ eine Schlüsselrolle. Über eine eigene Website und Soziale Medien fand er Menschen, die gerade von ihren Partnern verlassen wurden – und zwar in der Metropole New York. Ohne diese Werkzeuge wäre die Suche nach geeigenten Protagonisten schwer bis unmöglich gewesen. Denn Frei wollte Menschen portraitieren, die gerade erst verlassen wurden und diesen Schmerz unmittelbar erleben. In einer Stadt, die niemals schläft, ist das Internet an sich die passende Kommunikationsplattform. Frei hatte kompetenten Beistand: Zwei Social-Media-Expertinnen durchforsteten die Sozialen Kanäle nach potentiellen Mitmachenden. Und Verlassene konnten ihre Gedanken und Gefühle in Form von Tagebucheinträgen auf der geschalteten Internetseite anonym beschreiben.

Die ersten Sekunden seines Films kommen dann auch ganz digital daher. Inklusive »Pixelcharme«, wie Frei bemerkte. Zu sehen sind Ausschnitte eines Videochats mit der 31-jährigen Alley. „Als sie nicht schlafen konnte und sich nachts per E-Mail meldete, habe ihr sofort zurückgeschrieben. Gleich darauf rief sie mich per Skype an“, erzählte Frei. Aus dem Instinkt heraus habe er den Aufnahmeknopf gedrückt - so seien dann einige Dokumente dieser einsamen Nächte entstanden. In einer Stadt, die niemals schläft, ist das Internet an sich die passende Kommunikationsplattform.

 

 

Sehen Sie hier den Videomitschnitt von Dokville 2015: